freigedanke

Wir

Mein Kopf platzt
kratzt vor Wut
tut gut nicht
dich zu sehn
gehn ohne wieder
sehn ist schön
schön doch schwer
mehr kann ich
mich auch nicht
bricht es doch
hoch über mir
wir wird wirr 


Harlekin

Einem Harlekin gleich sitzt er dort, verschmitzt, die Münder gen Boden gemalt mit Wachs, versucht er die Wipfel zu heben. Wer malte ihm das Gesicht, das Gesicht, das er nie wollte? Er war es nicht. Sie waren es. Sie fesselten ihn, fesselten ihn an ihren Stuhl. Rot ist er, doch die fehlende Sonne schwärzt ihn wie Pech. Was sie wollen? Kontraste, Vergleiche, Relationen. Sie brauchen ihn, denn ohne ihn sind sie nichts. Ohne Hell kein Dunkel. Ohne Weiß kein Schwarz. Ohne Gut kein Böse. Ohne ihn sind sie nichts, ohne Existenz, ohne Sinn. Deshalb färben sie ihn, tauchen ihn in ihr Weihwasser, stülpen ihm über die Fratze des Anderen, des Bösen. Er ist die Wurzel, der letzte Halt den sie fesseln. Wenn er nicht mehr ist, was sind sie dann? Wenn der Asoziale, der Arme, der ohne Dinge sich in sich kehrt und den Schlüssel zum höheren Reich versteckt. Dann haben sie keinen Vergleich mehr. Sie sind nicht mehr besser, denn das Vergleichssystem hat sich gegen sie gewandt, von ihnen abgewandt. Wenn es nur noch Gestank gibt, verliert der Duft seinen Wert. Gibt es nur noch Kaviar, ist trocken Brot nicht schlechter. Also fing er an aufzuhören. Aufzuhören auf sie zu hören. Er bastelte sich mit seinen Gedanken die Flügel zur Unendlichkeit, zog sie an, zurrte sie fest. Er brauchte keinen Wind, keinen Berg, keine Schlucht, denn er war Wind, war Berg, war Schlucht. Er war Auslöser und Erlöser seiner Selbst. Er konnte das, was jeder soll. Er schwang sich auf höher und höher. Der Feind, tiefer und tiefer, probierte zu schießen, zu fangen den Clown, doch der Feind wurde kleiner und kleiner, wurde neue Relation. Und dann. Die Sonne. Licht und Hitze können nicht schmelzen die Flügel der Gedanken, doch sie können schmelzen die Maske des Harlekins. Es tropfte heiß das brodelnde Wachs. Es befreite den Blick, das Antlitz vom Wachs. Die Winkel des Mundes verliefen vor Glück und befreiten ihn äußerlich und innerlich. 


Herbst

Ich habe keine Lust mehr, es muss sich etwas ändern, sagte er zu sich. Nicht zum ersten mal wohlgemerkt, denn diese Gedanken schießen ihm beinahe täglich durch den Kopf. Er zündete sich seine Zigarette an. Es war Rauchverbot in seiner Wohnung, aber wen juckte das schon. Er könnte weitere zwei Wochen auf seinem Fenstersims sitzen, die Beine zwischen der brüchigen Haltestange und der kalten Marmorplatte, es würde doch keinen interessieren. Er wohnt in einem Altbau, schön geschnitten, groß, günstig. Sein Vorteil, dass er nicht auf das Wohnen im Zentrum der Stadt steht, sondern lieber etwas außerhalb, wo das Leben nach einer anderen Uhr tickt. Der Blick auf den kleinen Wald macht ihn glücklich. Es ist Herbst und die Bäume freuen sich, feiern ein Fest. Sie schmeißen ihre Blätter ab, die die ihnen bislang zum Wachsen gütig waren und fangen an zu schlafen, um der Gewalt der bevorstehenden Kälte zu trotzen. Es wird eine kalte Zeit dieses Jahr, so sagen sie es voraus. Auch er hat schon seine Heizung angestellt. Ein bisschen Luxus darf sein. Aber nun. Ändern muss sich etwas, das ist klar. Aber was, wenn es nicht die Blätter sind die abgestoßen werden müssen, sondern die Wurzel. Wie kann er etwas ändern. Er schaut in die Ferne und schließt seine Augen. Er sieht das rot-blaue Licht am Ende des Horizonts. Sieht die emporsteigenden Strahlen, die das flauschige Weiß beflecken. Es ist ein kurzer Moment, dann wird es dunkel, schwarz, es wird Nacht. 
Wieder ein Tag um, denkt er sich und lässt seine Blicke durch die Straßen wandeln. Lachen, Husten, das Pfeifen des Windes. Es wirkt so real und doch absurd. Ist das alles, fragt er sich, muss es alles geben? Seine Lider schließen sich und sein Blick geht weiter, verlässt die Welt, die vor ihm liegt, taucht in eine Welt, in der er nicht viel kennt, außer das Leid. Das Leid, welches größer ist, als das, welches unter seinen baumelden Füßen liegt. Größer gleich mehr gleich wichtiger. Schändlich der Gedanke an tote Amseln, während Kinder langsam krepieren. Oder schändlich der Gedanke ans Unerreichbare, an menschproduziertes Leid. Wo ist der Fokus? Wo muss er sein? Da fing der Mond an mit seinem Spiel und er begann zu blinzeln.